

Politik & Gesellschaft
Texte, Berichte, Gesellschaft

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Dr. Angela Wegscheider ist Senior Scientist am Institut für Politikwissenschaft und Sozialpolitik der Johannes Kepler Universität Linz.
Entwicklung der Behindertenpolitik. Zwischen alten Mustern und neuen Wegen
Die Behindertenpolitik sowie die Entwicklungsdynamiken in der Behindertenhilfe und in Institutionen sind vielfältig. Anhand der Einteilung in Phasen in Verbindung mit Handlungen in Bezug auf Menschen mit Behinderungen lässt sich erkennen, welcher Schwerpunkt zu welcher Zeit besonders dominierte.
Bis in die 1950er Jahre galten die Linderung von Armut sowie die einfache Pflege und Verwahrung von Menschen mit Behinderungen als zentrale Aufgaben staatlicher Fürsorge in Österreich. Ab den 1960er Jahren ist ein Paradigmenwechsel zu beobachten. Im Zuge einer stärker medizinisch-rehabilitativen Ausrichtung rückten Maßnahmen zur Rehabilitation und beruflichen (Re-)Integration in den Vordergrund. Behinderung wurde nun als prinzipiell behandelbar verstanden. Für Kinder mit Behinderungen wurden je nach Einschätzung ihrer Bildungsfähigkeit spezialisierte Einrichtungen ausgebaut. Die Kompetenzen Fürsorge und Behindertenhilfe wurden endgültig den Bundesländern überlassen. Zwischen 1964 und 1971 entstanden neun unterschiedliche Behinderten- oder Sozialhilfegesetze.
Parallel dazu begannen sich die sogenannten „Zivilbehinderten“ verstärkt zu organisieren. So schlossen sich im Jahr 1962 kleine, lokal agierende Selbsthilfevereine von Menschen mit Körperbehinderungen zum Zivilinvalidenverband Österreich zusammen. Sie forderten vor allem finanzielle Vergünstigungen sowie Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten außerhalb des elterlichen Umfelds. 1967 folgte die Gründung der Lebenshilfe Österreich, die vor allem von Eltern getragen wurde. In den 1970er Jahren verlagerte sich der Fokus noch stärker auf die Arbeitsintegration erwerbsfähiger Menschen mit Behinderungen. Für Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf wurden spezialisierte Einrichtungen mit Werkstätten errichtet.
Ende der 1970er Jahre formierte sich in Österreich die Behindertenrechtsbewegung. Mit ihren Forderungen nach Barrierefreiheit, rechtlicher Gleichstellung mit nicht behinderten Menschen und selbstbestimmtem Leben wurde sie damals als radikal wahrgenommen. Die 1980er Jahre waren geprägt vom UN-Jahr der Behinderten (1981) sowie der ausgerufenen UN-Dekade der Behinderten (1983–1992). Ziel war es, die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen zu fördern. Dies deckte sich jedoch wenig mit der Praxis in Österreich. Viele Menschen mit Behinderungen lebten unter schwierigen Bedingungen bei ihren Angehörigen oder in Altenheimen. Erst 1988 wurde das Einstellungsgesetz für alle Menschen mit Behinderungen geöffnet und somit ein richtungsweisender Wandel durch die Anwendung des Finalitätsprinzips im Gesetz eingeleitet.
Bis Anfang der 1990er Jahre war man in Österreich der Auffassung, dass die Unterbringung von Menschen mit Behinderungen in Einrichtungen mit anderen Menschen mit Behinderungen die beste Form der Integration sei. Sie sollten so bedarfsorientiert Unterstützung bekommen und Gemeinschaft erleben können. Seit den 1990er Jahren wird auf Bundes- und Länderebene daran gearbeitet, die Selbstbestimmungs- und Gleichstellungsrechte zu stärken. Im Jahr 1993 wurde eine umfassende Reform der Pflegeversorgung eingeführt. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Zugang zu öffentlicher Versorgung von der Ursache der Beeinträchtigung abhängig. Das abgestufte und bedürfnisorientierte Pflegegeld stand nun allen Menschen mit Unterstützungsbedarf, unabhängig von Ursache und Einkommens- bzw. Vermögenssituation, zur Verfügung. Es orientierte sich in seiner Ausgestaltung am bereits bestehenden Pflegesystem für Kriegsversehrte. Parallel dazu verpflichteten sich die Länder, die mobilen Dienste in den Regionen auszubauen. Damit sollten Menschen, die nicht in Einrichtungen leben wollten, einfacher zu Hause leben können. Die „Casa“ wurde 1997 von Assista als alternative Wohnform in Linz eröffnet. Der Wohnverbund war beispielgebend für Oberösterreich. Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf lebten dort eigenständig in ihrer eigenen Wohnung und hatten gleichzeitig Zugang zu Betreuung.
Seit den 2000er Jahren hat die Umsetzung der gesetzlichen Gleichstellung und Antidiskriminierung in Österreich an Fahrt gewonnen. So wurde beispielsweise im Jahr 2006 ein Gleichstellungspaket eingeführt. Das neue Behindertengleichstellungsgesetz soll die Barrierefreiheit des öffentlichen Raums sicherstellen. Auf Bundesebene wurde zudem eine Behindertenanwaltschaft eingerichtet. Das Behinderteneinstellungsgesetz wurde um den Diskriminierungsschutz erweitert. Im Jahr 2008 wurde in Oberösterreich das Chancengleichheitsgesetz erlassen, das die Behindertenhilfe und somit Teilhabe und Selbstbestimmung besser regeln sollte. Im selben Jahr trat auch die UN-Behindertenrechtskonvention in Österreich in Kraft. In dieser Spezialkonvention werden die Menschenrechte explizit auf die Situation von Menschen mit Behinderungen übertragen und die Garantien der Menschenrechte an ihre Lebenssituation angepasst eingefordert. Seitdem ist Österreich verpflichtet, die Menschenrechte für Menschen mit Behinderungen zu gewährleisten und die Ziele und Leitgedanken der Konvention schrittweise umzusetzen.
Es lassen sich Traditionslinien identifizieren, die bis in die Gegenwart wirken und somit die aktuelle Ausgestaltung dieses Politikfeldes beeinflussen. Dazu zählen die Armenfürsorge, die Kriegsversehrtenversorgung und die Invaliditätsabsicherung bei Arbeitsunfällen. Durch die Einführung universaler Versorgungsprinzipien sowie die gesetzliche Gleichstellung und Antidiskriminierung wurden jedoch auch neue Wege beschritten. In Österreich wie in verschiedenen anderen europäischen Ländern ist die Behindertenpolitik keiner Sachkompetenz oder regionalen Ebene vollständig zuordenbar. Vielmehr existiert sie aktuell als komplexer „Policy-Mix” im Spannungsfeld der Ziele Existenzsicherung, Rehabilitation und Gleichstellung.
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Zeitungsbericht Ingrid Mazala

Eine ehrgeizige Frau geht ihren Weg
Über das Leben einer erfolgreichen Behindertensportlerin und ihre Lebensbegleitung durch Assista Ingrid Macala wurde am 05.09.1970 als jüngstes von sechs Kindern in Salzburg geboren. Aufgrund eines Sauerstoffmangels bei der Geburt kam sie mit einer Cerbralparese zur Welt und ist seither Spastikerin. Sie lebte mit ihrer Familie in Hof bei Salzburg und wurde von den Eltern umsorgt. Ihre fünf älteren Geschwister waren gesund, bis ihre Schwester Marianne nach einer Hirnhautentzündung infolge eines Zeckenbisses im Alter von 18 Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen war. Marianne war es auch, die „die Familie zusammengehalten hat.“ Sie war Ingrids großes Vorbild in puncto Selbständigkeit. Sie lebte in einer eigenen Wohnung und konnte sich selbst gut versorgen. Ingrid besuchte sie gerne und die beiden Schwestern unternahmen viel miteinander. Als Marianne vor zwölf Jahren unerwartet verstarb, hinterließ das ein riesengroßes Loch in Ingrids Leben. Sie ist heute noch sehr traurig, wenn sie über Marianne spricht.
In ihrer Kindheit besuchte Ingrid eine Sonderschule für körperbehinderte Kinder in Hallwang und wechselte im Alter von zehn Jahren in eine Schule in Salzburg/Taxham, wo sie weitere neun Jahre verbrachte. Da diese Schule mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Wohnort aus schlecht zu erreichen war, blieb Ingrid während der Schulzeit in einem Schülerwohnheim der Lebenshilfe Salzburg und verbrachte nur noch die Wochenenden und Ferien bei der Familie. Damals konnte sich Ingrid außerhalb des Rollstuhles nur auf allen Vieren fortbewegen, bis ein motivierter Sportlehrer der Schule begann, mit ihr das Stehen und Gehen zu üben. Schon damals war Ingrid sehr ehrgeizig und erlernte mit 13 Jahren schließlich das freie Gehen und Stehen, was ihr Leben deutlich erleichterte und veränderte. Eine Schulfreundin aus dieser Zeit war es dann, die Ingrid ein erstes Kennenlernen von Assista ermöglichte.
Da die beiden Mädels guten Kontakt hatten, besuchte Ingrid ihre Freundin Tini damals für eine Woche in einer Übergangswohnform von Assista für junge Menschen in Linz. Und damit war für Ingrid klar, dass sie auch unbedingt bei Assista leben wollte. Seit dem Umzug nach Oberösterreich 1989 verbrachte Ingrid zuerst zwei Jahre in einer Jugendwohngruppe in Altenhof und wechselte dann in ein damals neues Wohnprojekt, die sogenannte „Selbstversorgergruppe“. Drei BewohnerInnen lebten anfangs in dieser damals neuen, teilbetreuten Wohnform, die dann immer weiter ausgebaut wurde. Hier wurden Menschen mit Beeinträchtigung dahingehend unterstützt, ihren Alltag möglichst eigenständig bewältigen zu können.
Ingrids Ziel war es, so selbständig wie ihre Schwester Marianne zu werden und in einer eigenen Wohnung leben zu können. Und dabei half ihr angeborener Ehrgeiz. Aufgeben war kein Thema! Nach acht Jahren bei den Selbstversorgern in Altenhof wagte Ingrid mit Unterstützung von Assista den großen Schritt. Nicht jeder in ihrem Umfeld hielt das für eine gute Idee, doch sie ließ sich nicht entmutigen und übersiedelte in eine eigene Wohnung in Attnang. Diese Wohnung war zwar nicht barrierefrei, doch konnte Ingrid zum damaligen Zeitpunkt noch einige Stufen bis zur Wohnungstür bewältigen und war innerhalb der Wohnung in der Lage, frei gehend oder mit Rollator zurechtzukommen. Unterstützung erhielt sie durch die Mobile Betreuung und Hilfe von Assista mit Sitz in Vöcklabruck. Als sich im Laufe der Jahre Ingrids Gesundheitszustand verschlechterte, konnte sie nicht mehr in dieser Wohnung bleiben. Doch zurück in eine teil- oder vollbetreute Wohnform war kein Thema für sie. Und abermals war es ihre langjährige Freundin Tini, die in Erfahrung gebracht hat, dass eine rollstuhlgerechte Wohnung wegen des Umzugs eines befreundeten Rollifahrers frei würde.
Und in dieser Wohnung in Attnang lebt Ingrid noch heute und schaukelt so gut es geht ihr Leben, so wie sie sich das zum Ziel gesetzt hatte. Nunmehr werden es 19 Jahre, dass Ingrid alleine, nur mit Unterstützung des mobilen Hilfsdienstes von Assista, der dreimal pro Woche kommt und bei der Hausarbeit, beim Baden, bei Amtswegen oder auch manchmal Arztbesuchen hilft, in einer eigenen Wohnung lebt. Bei Assista kam Ingrid Macala Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal in Berührung mit dem Behindertensport. Auf Initiative des Boccia Referenten des Österreichischen Behindertensportverbandes, Michael Geiling, wurde 1992 die Behindertensportgemeinschaft, kurz BSG Altenhof gegründet. Und die ehrgeizige Ingrid konnte vom Sport gar nicht genug bekommen.
Zuerst begann sie mit Boccia, wo sie vor allem in den 90er Jahren auch internationale Wettkämpfe, zum Beispiel in Nottingham, Sydney und zur Krönung bei den Paralympics 1996 in Atlanta, bestritt. Sie versuchte sich auch in der Leichtathletik, wo sie speziell im Keulenwurf erfolgreich war. Doch auch das Schwimmen lag ihr besonders gut. Was wie bei vielen, auch gesunden Menschen, mit Schwimmflügerl beginnt, erlangte bei Ingrid bald Perfektion. Sie avancierte zur Spitzen-Rückenschwimmerin, wobei sie ohne Einsatz der Beine auf dem Rücken im Wasser liegend nur durch ihre Armkraft Bahn über Bahn zurücklegte.
Dreimal pro Woche trainierte sie im Wasser und zusätzlich absolvierte sie Trockentrainingseinheiten im Institut für Therapien bei Assista, denn sie hatte auch hier ein großes Ziel: 2000 wollte sie sich als Schwimmerin für die Paralympics in Sydney qualifizieren. In den Jahren 97/98 trat sie bei internationalen Bewerben in Deutschland, Nottingham und Neuseeland an und ihr großes Ziel – Sydney 2000 – konnte sie nicht nur erreichen, sondern sogar mit einer Platzierung unter den ersten 5 krönen.
Der Umzug in die eigene Wohnung, Ingrids größter Lebenstraum von Freiheit, hatte aber auch seinen Preis und ging mit einigen Einschränkungen einher. Für Sport war nicht mehr so viel Zeit zur Verfügung. Der Anschluss zur BSG Altenhof war zwar noch immer gegeben, doch bei weitem nicht mehr mit dem vorherigen Maß an Trainingseinheiten. 2004 konnte sich Ingrid noch einmal für die Paralympics, diesmal in Athen qualifizieren, doch trat sie freiwillig zurück, um sich auf ihr neues Leben in den eigenen vier Wänden konzentrieren zu können. Als sich Ingrids Gesundheitszustand ab 2009 verschlechterte, konnte sie sich nicht mehr für internationale Bewerbe qualifizieren, doch Sport wird immer ein wichtiger Teil ihres Lebens sein.
Auf nationaler Ebene ist sie nach wie vor beim Boccia und beim Keulenwurf dabei. Worunter Ingrid besonders gelitten hat, war, wie bei vielen anderen Menschen auch, die Zeit der Pandemie mit ihren Einschränkungen und Lockdowns. Trainings, Sportwochen und Wettkämpfe waren auf Eis gelegt und damit fiel ein Großteil ihrer sozialen Kontakte weg. „Es war eine wirklich schwere Zeit und der Weg zurück ist noch nicht ganz wie vor Corona“, bedauert Ingrid. Das viele Alleinsein füllt Ingrid mit Kontakten über Social media, sie hört gern Volksmusik und liebt den Bergdoktor und die Rosenheim Cops.
Gerne hält sie sich im Eurospar auf, wo sie im Bistro regelmäßig zu Mittag isst und ein bisschen mit den Kassadamen plauscht, die sie alle gut kennen. „Ich bin wie ich bin“, sagt die lebenslustige Wahloberösterreicherin, die gern Ausflüge mit der BSG Altenhof oder mit dem Verein „No Limits“ unternimmt. Assista ist sie besonders dankbar für die Hilfe zur Selbständigkeit und die Lebensbegleitung über mittlerweile mehr als drei Jahrzehnte. Sie mag „die klassen Leut‘ dort“ und hofft, dass auch bald wieder mehr Angebote bestehen und Veranstaltungen stattfinden können.